11. Etappe, Montag, 8.6.2015, Strausberg – Rüdersdorf (ca. 23 km)

Strausberg, Strausberg Stadt, Strausberg Nord: Da kann man schon mal durcheinanderkommen. Obwohl die letzte Etappe am S-Bahnhof Strausberg Stadt endete, wollen zwei Wanderfreunde, die im vorderen Zugteil reisen, schon in Strausberg aussteigen, was der Schulfreund durch intuitives Hinaussehen bemerkt und durch lautes Rufen aus der Tür zu verhindern weiß. Also können wir uns bei optimalem Wanderwetter in Strausberg (Stadt), jedoch nicht ohne Kaffee und Kuchen to go erworben zu haben, auf den Weg machen. Wir spazieren zu viert (ein Neuwanderer ist dabei) am Ostufer des Straussees Richtung Süden an der historischen Badeanstalt vorbei. Zwei Bade- bzw. Schwimmmeister harken wie Zen-Buddhisten mit dem Rasenbesen parallele Linien in den Sand, weil die Gäste am frischen Montagmorgen noch ausbleiben. Die Wegbeschreibung ist gut und die vielen neuen blauen Hinweispunkte strahlen mit dem Himmel um die Wette. Wir laufen durch Vorortstraßen und überqueren ein Bahngleis, suchen aber vergeblich das in Text und Karte angezeigte, nur 50 m entfernte zweite Gleis und finden es nicht! Welches Veränderungspotenzial muss ein Bundesland haben, in dem sich ganze Bahnstrecken in Luft auflösen! Wir wollen uns aber nicht den schönen Tag versauen und verdrängen das Problem, auch weil es genügend blaue Punkte gibt, denen wir folgen können. Das sklavische Festhalten an Vorschriften, Gebrauchsanleitungen oder Routenbeschreibungen lernt man auf der 66-Seen-Wanderung häufig zu ignorieren. Da bleibt was für’s Leben.
Wir gehen durch die Rehfelder Heide (Heide = Wald) und nähern uns dem Herrensee (33) an. Leider können wir den Ausblick nicht genießen, weil die Mücken in den letzten warmen Tagen, dort wo es Feuchtigkeit gibt, und die gibt es in diesem Sumpfgebiet durchaus, ihre Chance auf Fortpflanzung wie die Wahnsinnigen genutzt haben und sich jetzt blutrünstig auf uns stürzen: Der Sommer ist in Seenähe nur bedingt Wanderzeit.
Wir unterqueren bald die S-Bahn vor dem Bahnhof Hegermühle und kommen zur alten Wassermühle am Annafließ, das uns von nun an lange in verschiedenen Aggregatzuständen (flüssig oder nicht da) begleiten wird. Der winzige Schwanensee (34) (in der Übersichtskarte treffender als „Schwanenteich“ bezeichnet) riecht faulig, er scheint mangels Zufluss am Umkippen zu sein. Herr Reschke schreibt (S. 131): „Hier achten wir auf die Markierungen…“ Das tun wir bereits, mit meist großem Erfolg, seit ca. 175 Kilometern. Die 2010 geplante gerade Weiterführung gibt es wohl nicht, wegen einer Baustelle müssen wir aber sowieso den alten Weg parallel zur Bahnstrecke Richtung Osten gehen, nachdem wir das Annafließ wieder einmal treppab, treppauf durchquert haben. Reschkes Kommentar (S. 131): „ Die folgende Wegstrecke ist sicher markiert, eine Beschreibung nicht erforderlich.“ Dann hätte er sich aber dreiviertel des Buches sparen können, was auch wieder schade gewesen wäre. Der Protokollant sinnt einige Zeit über die Bedeutung des Wortes „sicher“ nach, ob es im Sinne von „wahrscheinlich“, „sicherlich“ oder im Sinne von „ungefährlich“, „nicht zu verwechseln“ gemeint sein könnte. Ohne Ergebnis, aber die Wanderzeit vergeht dabei gleich schneller…
Die Kurve, die der Weg bald nach Südwesten macht, liegt auf dem Damm einer ehemaligen Bahntrasse, links und rechts geht es einige Meter abwärts. Der Blick vom Rastplatz ins Annatal bzw. über die “Langen Dammwiesen“ ist malerisch und erinnert an die Aussicht von den Seelower Höhen. Wir nutzen den mückenfreien Platz zu einer Stärkung, erreichen aber nach kurzer Zeit das geöffnete Tor der Mühle Lemke mit seinem Hofladen. Die vorherige Kalorienzufuhr war nicht so intensiv, dass nicht noch ein Softeis, Blechkuchen oder zwei Würstchen zu verkraften wären. Dazu gibt es warme Getränke (Kaffee, Radler…), mehrere sprechende Papageien und den Müller, der uns leicht verbittert die Welt zu erklären versucht. Glücklicherweise wird er dabei nach einigen zäh dahin fließenden Minuten von einem Papagei unterbrochen, der so laut wie eine Feuerwehrsirene zu schreien beginnt. Der Müller beruhigt den Vogel daraufhin, was ihm besser gelingt als seine leicht konfusen Welterklärungs- und Ernährungstheorien. Wir wandern dann am Kleinen Stienitzsee (35) vorbei, bevor wir Hennickendorf erreichen, dessen ehemals einzige Gaststätte, das Deutsche Haus, offensichtlich geschlossen hat. Dies haben wir nach häufigem, vergeblichem Versuch telefonischer Kontaktaufnahme schon vermutet. Immerhin wirkt der Ort nicht völlig ausgestorben, einige Schüler lümmeln vor dem Eissalon gegenüber vom Deutschen Haus herum. Müssten die nicht in der Schule sein? Nach kurzer Irritation finden wir den Weg hinunter zum Großen Stienitzsee (36), wo uns ein schöner Weg, teilweise wegen des sumpfigen Untergrundes auf Planken gebaut, am Nordostufer des Sees entlangführt, bis wir, zum wievielten Male eigentlich, wieder das Annafließ, das in den See mündet, überqueren. Der Blick auf den See ist wegen der dicht belaubten Büsche, Sträucher und Bäume nur noch selten möglich. Manchmal sieht man durch das Dickicht hohe Schornsteine, wahrscheinlich vom früheren Kalkwerk. Wir kommen nach Tasdorf, wo wir die Bundesstraße 1 (nicht, wie im Text erwähnt, die B2) überqueren, und zwar ungezogenerweise und entgegen dem ausdrücklichen Rat von Herrn Reschke, nicht an der Ampel, sondern direkt. Das geht, wenn man nicht nervös wird, nach kurzer Wartezeit, wenn die Ampel rechts auf Rot geschaltet hat und von links ausnahmsweise kein 40-Tonner um die schwer einsehbare Kurve rast. Mit Rollatorgeschwindigkeit nicht zu empfehlen, von rüstigen Rentnern durchaus machbar. Der stimmigen Beschreibung folgend erreichen wir bald Rüdersdorf und überqueren das Mühlenfließ gleich mehrfach, bevor wir im Ort die Haltestelle der Straßenbahn 88 anpeilen. Das Durcharbeiten der etwas komplizierten Wegbeschreibung (S. 134) ersparen wir uns, indem wir einen offensichtlich Einheimischen (Jogginghose, Schäferhund) nach dem kürzesten Weg fragen. „Immer geradeaus und dann am Kreisverkehr…“ Da uns die historische Straßenbahn entgegenkommt, müssen wir mit einer langweiligen neuen Bahn, die uns nach Friedrichshagen bringt, vorlieb nehmen. Um an die Haltestelle zu gelangen, muss man aber direkt hinter einer für die Autofahrer nicht einsehbaren Kurve eine Hauptstraße überqueren, weil der Bürgersteig endet. Wer für dieses Russische Roulette verantwortlich ist, soll noch erkundet werden. Hoffentlich gibt’s bis dahin nur wenige Tote!

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